Berlin

Grüße aus Köpenick!

Berlin. Diese Stadt besteht nicht nur aus fünf Bezirken, auch wenn sich die Poser und Styler, Touristen und Szenehuschen am liebsten dort aufhalten. Wer einen Blick über den Bezirkstellerrand wagt, findet Originale, die nicht weniger stylisch sind. Zum Beispiel MC Ramon aka Cornerboy. Seine Ecke heißt Köpenick.

Cornerboy vorm Forum Köpenick

Ich bin durch Musik auf den Cornerboy gestoßen. Er ist der Star in dem unglaublich ehrlichen und häßlich-schönen Video zum Track “Itchy” von Siriusmo (Album: Enthusiast/Label: Monkeytown Records).

Als ich MC Ramon beim Melt! bewunderte, mich über seine Rapfähigkeiten freute, erzählte mir die Labelchefin von Monkeytown Records, dass er ja auch als Schlagersänger unterwegs sei.

Wie bitte? Schlager? Ernst gemeint?

Ja!

Aber warum?

Die Antwort liefert Roman Geike, wie der Künstler richtig heißt, zum Schampus auf der heimischen Couch. Ein Kaffeeklatsch ohne Kaffee aber mit Kuchen, umgeben von antiken Möbeln und dem sympathischsten Gastgeber, den ich je erlebt habe.

Romano der Schlagersänger

Gesine: Wenn du auf einem Formular die Spalte mit Berufsbezeichnung ausfüllen musst, was schreibst du auf die gestrichelte Linie?

Cornerboy: Lebenskünstler mit einem Smiley dahinter. Ich habe ganz normal “Mediengestalter” gelernt, das ist dieser Beruf, der in der gesellschaftlichen Norm existiert. Lebenskünstler und leidenschaftlicher Sänger, Entertainer. Ich probiere Freude in die Welt zu bringen. Freude und Leidenschaft.

Gesine: Freude und Leidenschaft durch verschiedene Musikrichtungen. Warum?

Cornerboy: Weil es einfach so aus mir herausgepurzelt ist. Ich weiß noch, als ich klein war. Mein Vater hatte mich auf dem Rücken gehabt und ich habe mit dem Mund so “ksch, peh, ksch, peh” (macht Beatboxgeräusche) gemacht. Das war rhythmisch irgendwie geil und ich kannte damals die Beatbox noch gar nicht. Mein Vater wunderte sich nur – aber das war Rhythmus, ich fand Rhythmus interessant. Dazu kam  – als Gegenstück – dass meine Mutter gerne RIAS mit dem alten Ami Rik De Lisle gehört hat und bei mir das Streben nach der Schlagerfigur “Romano” entstanden ist.

Eine Performance in der ersten Klasse, George Michaels “I Want Your Sex”, mit Zeigestock und Rumgehampel, zeigt Geike, dass er eine Rampensau ist. Die wahre Liebe zum Hip Hop muss noch bis Anfang der Neunziger warten (der Cornerboy ist 1977 in Köpenick geboren). Ein Typ mit weiten “Pash”-Hosen, “Bk”-Sneakern (Bristish Knights) und einem Armeerucksack beeindruckt ihn. Von diesem Typen erfährt er von Public Enemy und ist von nun an Fan dieses Sounds.

Cornerboy: Ich hab gemerkt, dass es ein Rhythmus ist, den ich cool finde. Ich habe mich dann aber eher in Richtung Westküste entwickelt. Der Sound war smoother, mehr zum abgrooven, das fand ich spannender für mich. Über den Hip Hop ging es zum Rock. Ich war Teil der Band “Maladment” – das lief über Freunde aus dem Köpenicker Umfeld. So lernte ich wieder ganz andere Musik kennen. Alice in Chains, Rage Against the Machine, aber auch Jazz und Blues, weil die Eltern der Bandmitglieder teilweise Musiker in der DDR waren.

Später in den Neunzigern lernt MC Ramon aka Cornerboy auch Siriusmo kennen und somit die elektronische Musik. Die beiden Köpenicker produzieren zusammen. Die Vernetzung in der elektronischen Musikwelt wird größer, er lernt den Berliner Produzenten Jan Driver kennen und wird quasi durch Zufall Schlagersänger.

Cornerboy:  Jan sollte damals einen Remix machen, aber der Remix war nicht so prickelnd. Als ich auf dem Klo so vor mich hin sang, hörte das Jan und hat meine Stimme einfach mal auf den Remix gelegt. So entstand die Parallelwelt des Schlagers. Hättest du mir vorher gesagt, du machst irgendwann mal Schlager, hätte ich empört gesagt, was soll denn das. Aber da es durch einen spaßigen, schönen Moment mit Freunden entstanden ist … Ick liebe dit. Dit is ein Teil von mir. Und die elektronische Musik mit Sprechgesang ist einfach ein schäner Ausgleich dazu.

Während der selbst ernannte Eckenjunge erzählt, wird einem schnell klar: dieser Mann ist Hans Dampf in allen Gassen. Aber nicht, weil er sich nicht auf eine Sache konzentrieren kann, sondern weil er leidenschaftlich gern Musik macht!

Gesine: Das Video zu “Itchy/Cornerboy” von Siriusmo, in dem du die Hauptrolle spielst, ist schon sehr stylisch. Die Bilder, die Einstellungen, das sind schöne Momente – jeder, der es anguckt sagt: WOW! Bist du denn auch so ein stylischer Typ, wie er im Video gezeigt wird?

Cornerboy: Ich habe gewisse Sachen für mich entdeckt, die ich schön finde. Die ich heute noch weiterlebe. Ich bin ein Kind der Neunziger. Damals waren die Football- und Baseballjacken von Starter so in. Mein Taschengeld hat vorn und hinten nicht gereicht, ich konnte mir die Jacken nicht leisten. Ich hatte einen Windbreaker von den “Vikings” – das war nichts Halbes und nichts Ganzes. Deshalb habe ich mir nach und nach meine Kindheitsträume erfüllt und diese Jacken alle im Nachhinein gekauft. Für mich ist es ein klassischer Schnitt, dieser Blouson-Bomberjacken ähnliche Schnitt ist ein zeitloser Schnitt. Den haben auch die Harrington-Jacken aus England. Das finde ich wunderschön. Außerdem fand ich die Firma “Evisu” schon immer gut, ne japanische Firma. Jeans mit umgekrempeltem Saum und den Schwalben auf den Taschen. Wenn es nicht zu überdreht ist, mag ich die sehr.

Gesine: Wobei du heute eher der Typ Schlagersänger bist. Weiße Hosen, weiße Schuhe und schwarzes Hemd, die Haare offen.

Cornerboy: Ja, weil es auch in mir steckt. Das hängt von der Tagesform ab. Ich finde weiße Hosen auch schön, dazu diese Schuhe. Vielleicht kann man die Stile auch miteinander kombinieren. Im Video kombiniere ich die Schlagerwelt ja auch mit der anderen, mit der hip-hoppigen Welt. 

Gesine: Im Video sieht man dich im Nagelsalon – ist das ein Ort, an dem man dich findet?

Cornerboy: Ich steh auf gepflegte Finger ganz klar. Der Nagelsalon war für mich auch ne neue Erfahrung. Ich hatte noch nie das mit den Füßen gehabt (Anm. der Autorin: Pediküre), ich kann es aber nur empfehlen. Auch den Männern. Da müssen sie sich mal locker machen, denn spätestens wenn es passiert, werden sie es auch genießen. Es ist wunderschön. Ich hab mir dann auch sone Fingerpflege geholt und lackiere auch manchmal drüber.

Gesine: Bleiben wir doch bei der Pflege und machen bei den Haaren weiter. Du hast längere Haare als ich…

Cornerboy: Ich finde es schön mit langen Haaren. Man kann Unmengen damit machen. Ich finde es auch schade, wenn sich die Männer immer bloß nen Zopf machen. Macht euch doch auch mal zwei oder drei Zöpfe, macht euch Schnecken, macht irgendwas. Das macht die Welt farbenfroher. Was die Pflege angeht: bis vor ein paar Jahren habe ich “Sebastian” benutzt, jetzt  “Davines”. Ich gebe lieber mal einen Euro mehr aus und dafür hat man nicht den ganzen Alarm, der da mit rein gemischt wird. Abends mag ich es eine Creme aufzutragen. Ich nehm’ da Bebe.

Schöne Geschichte noch zur Pflege des Cornerboys: Er sei ein Parfumtyp. Hat verschiedene Düfte für verschiedene Situationen. Unter anderem sprüht er sich zum Schlafengehen sein “Nachtparfum” auf. Das ist wohl nicht so dolle, wiegt ihn aber in den Schlaf.

Und was ihr sonst noch wissen solltet:

Cornerboy: Ich hole mir jeden Monat ne “Glamour”. Ich steh seit meiner Kindheit auf bunte Bilder. Ich blättere im Bett ein paar Seiten durch und werde davon in den Schlaf gedüselt, aber ich finde es auch interessant, wie gerade die Looks sind. Ich bin interessiert wie es mit den Handtaschen läuft, wie passt das, gucke ganz gern was Designer gerade so machen.

Der Cornerboy. Köpenicker. Interessiert sich für aktuelle Looks und Styles der Damenmode. Macht Musik in allen Sparten, liebt jede davon. Er nennt sich selbst “Hans Dampf in allen Gassen”. Und in seiner Gegend ist er bekannt wie ein bunter Hund. Für unsere Köpenicker Cornerboy-Foto-Strecke hat er sich umgezogen, acht Jacken geschultert und mir seine Nachbarschaft gezeigt. Den Bäcker. Den Imbiss! Das Forum und den S-Bahnhof. Die Zöpfe durfte ich ihm flechten. Das muss er tatsächlich noch lernen. Roman Geike aka MC Ramon aka Romano aka Cornerboy – wenn es DEN Köpenicker gibt, dann ist er es. Was für ein Nachmittag.

 

Wenn ihr irgendwann in Köpenick seid, haltet Ausschau nach dem Cornerboy. An irgendeiner Ecke wird er schon sein!

New York

Atelierbesuch bei Erin Considine

Erin Considine

Designerin Erin Considine in ihrem Atelier in Williamsburg und Schmuck aus der Herbstkollektion (Kleid von Dusen Dusen aus Brooklyn)

„Edelsteine interessieren mich nicht besonders“, sagt Schmuckdesignerin Erin Considine. „Ich weiß, das klingt komisch“, fügt sie hinzu, „aber irgendwie hatten sie für mich nie eine Anziehungskraft.“  Sie verwendet für ihre unglaublich schönen Schmuckstücke stattdessen geflochtene, gewebte oder gehäkelte Textilfasern.  Ich besuchte sie in ihrem Atelier in Brooklyn. kompletten Post lesen

Stockholm

Helmut Newton im Fotografiska

“Das perfekte Modefoto sieht nicht aus wie ein Modefoto, mehr wie ein Film Stil, ein Portrait oder auch eine Paparazziaufnahme.” sagt Helmut Newton in Helmut by June, in der 2004 von seiner Witwe fertig gestellten Dokumentation, die ihn fern ab des Jetsets in Unterwäsche und Bademantel ganz persönlich zeigt. Der Meister muss es wissen. Die heutige Modefotografie mit ihrem erotischen Unterton, in der starke glamouröse Frauen eingefangen werden aus der Sicht des Voyeurs hinter der Kamera, ist  zur globalen Norm geworden – und Newtons innovative Fotografie hat den Grundstein dafür gelegt. kompletten Post lesen

Paris

August in Paris

Paris gehört zu jenen Städten, die im August nichts mit dem Rest des Jahres zu tun haben. Fast alle Pariser sind auf Urlaub, viele Geschäfte und Bars sind zu und man triftt an jeder Ecke noch mehr Touristen als sonst. Das alles kann aber durchaus auch seine Vorteile haben. Auf einmal gibt es Parkplätze an jeder Ecke, die Stadt wirkt ruhig und angenehm und es ist vorallem der Augenblick, um all die Sachen zu machen und zu sehen für denen man sonst keine Zeit hat.

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London

London To Sydney: Modefotografie

Melvin Sokolsky 1963

Melvin Sokolsky 1963

Da hat es wohl den Kuratoren des Victoria & Albert Museums genauso in den Fingern gejuckt wie mir. Kaum bin ich auf dem australischen Kontinent angekommen, eröffnete die Staatsbibliothek von New South Wales in Sydney auch schon die Ausstellung Selling Dreams in Zusammenarbeit mit dem Londoner Mode- und Kunstmuseum. In den drei großen Ausstellungsräumen der Bibliothek häufen sich die jeweils signifikantesten Werke aus den vergangenen 100 Jahren der Modefotografie. Im Focus steht nicht nur deren historische Entwicklungsphasen. Hervorgehoben wird besonders die stetige Kontroverse zwischen der reinen Werbenatur und dem potenziellen kulturellen Einfluss der Modefotografie.

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