London

“Ich bin gekommen, um zu laufen, Mama!”

Mit einer Modenschau die Herzen des Publikums zu berühren, ist nicht so einfach – dazu braucht man mehr als Profi-Models, an denen die nagelneue Kollektion gut aussieht und sehr laute Musik dazu. Wie schafft man es, dass die Leute auf ihren Sitzen nicht mit dem Telefon spielen, ein Gespräch mit dem Nachbarn führen oder mit den Gedanken total abdriften und erst beim finalen Applaus wieder aufwachen? Das gewisse Etwas, das die Zuschauer für wenige Augenblicke ergreift, rührt, glücklich macht, dieses Extra bekommt man nicht oft geboten und in Berlin sprang dieser Funke nur einmal zu mir rüber – bei der Show von Lala Berlin.

Die Präsentation begann mit der Liebes-fiebrigen, traurigen Stimme der persischen Sängerin Hayedeh, die acapella, kraftvoll und verzweifelt klingend aus den sehr guten Boxen des Zeltes tönte – und sich dann, genial gemixt von der talentierten und hochverehrten Bonnie, mit Ian Pooleys “Compurhythem” vermischte. Die Mädchen liefen in rosafarbenen Mänteln und orangenen Stiefeln, in Strickkleidern und Hüten, Ethnoprints und Glitzerstoffen über den Laufsteg, der Sirenensound (wirklich sehr gut: “Geffen” von Barnt) machte jeden Schritt zum sexy Marsch. Die finale Parade, alle Models schön hintereinander und dazu David Bowie’s “Lets Dance”, wurde von lautem Applaus empfangen und verabschiedet. Kaum betrat Designerin Leyla Piedayesh den Laufsteg, um diesen Applaus für einen Moment zu genießen, löste sich auch schon etwas Kleines, Goldenes aus der ersten Reihe, rannte auf sie zu, machte bei ihr eine 90-Grad-Wende und begann schnurstracks, zügig aber nicht rennend, den Laufsteg hinunterzugehen. Es war Lou, die kleine Tochter der Designerin, die das goldene Kleid perfekt zu goldenen Mary Janes selbst gestylt hatte. Noch immer sang David Bowie, mittlerweile hörte man das Publikum schreien und johlen, begeistert von der kurzen Goldenen, die ihr Ding einfach durchzog und alleine den weißen Teppich entlangging. Ich hatte so viel Respekt vor dem winzigen Mädchen, das sich mit vier Jahren traute, den Catwalk bis zu den Fotografen zu gehen, zu wenden und begleitend von tösendem Applaus wieder zurück zu laufen. Lou’s Wangen glühten vor Aufregung und man konnte sehen, wie sie jeden Augenblick dieses Momentes genoss, ein Moment, den sie ganz sicher ihr restliches Leben nicht vergessen würde.

Am nächsten Tag machten sich schon die ersten bösen Schreiber über diesen Moment her: pfui, ein geschminktes Kind, missbraucht für die PR der Mutter – einer unsicheren Mutter mit schlechter Kollektion dazu! Als ich das las, wunderte ich mich darüber, wie unterschiedlich Menschen das gleiche Erlebnis empfinden konnten. Für die einen unvergesslich gut, für die anderen ein Grund, richtig sauer zu werden.

Also traf ich Leyla Piedayesh am folgenden Tag und fragte sie, wie es denn wirklich war – war Lou nun ein cooles Kind, oder doch nicht? Hier kommt die Wahrheit:

 

Frage: Liebe Leyla, wie war das mit Lou und dem Catwalk?

Leyla Piedayesh: “Schon bei der Probe wollte Lou unbedingt über den Laufsteg gehen, sie hat sogar gesagt: “Ich bin gekommen, um zu laufen, Mama!” Also habe ich es ihr erlaubt: Ok Maus– du darfst einmal bei der Probe als Letztes über die Bühne. Einmal! Während die Models beim Rehearsal rauf und runter laufen steht sie die ganze Zeit neben mir, beobachtet die Girls scharf, wippt mit den Füßen im Takt mit der Musik und kaut aufgeregt an ihren Fingernägeln. Die Show am Abend ist also vorbei und ich laufe raus. In dem Moment rennt sie mir entgegen – und ich freue mich schon, dass meine kleine Tochter mich in den Arm nehmen will. Genau vor mir dreht sie sich aber um und läuft los, nimmt auch noch den Saum ihres Kleidchens in beide Hände. Ein seeliges Grinsen von einem Ohr zum anderen! Ich selber war selber etwas irritiert und etwas schüchtern, und bin wieder hinter der Bühne. Auf dem Monitor habe ich beobachtet, dass sie gleich wieder bei mir ist, ich gehe also raus und nehme sie entgegen. Wirklich erstaunlich, dass dieses Kind es geschafft hat, den ganzen Catwalk alleine runterzulaufen, dabei zu lächeln und zu strahlen.  Sie hatte sich es sich seit der Probe vorgenommen und die ganze Show gewartet, dass ihr Einsatz endlich kommt.

Frage: Und war Lou geschminkt, wie einige behaupten?

Leyla: Sie hatte Bäckchen so rot wie Granatäpfel, aber vor Aufregung – ich schminke doch mein Kind nicht!

Danke für die Show, kleine Lou!

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Auf dieses Thema gibt es eine Reaktion

  1. So klein und so ccol! Ganz, ganz zauberhaft!

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