London

Don’t Go South of the River!

 

Wie jede Großstadt hat auch London samt Einwohnern seine Eigenarten. Von manchen, wie der Sperrstunde, hat man schon vorher mal in einem Touristenführer gelesen, auf andere hingegen wird man meist erst aufmerksam, wenn man bereits einen waghalsigen Sprung in das Leben in der neuen Wahlheimat getan hat.

Wie ich heute schmunzelnd zugeben muss, bin ich als ich damals vor circa eineinhalb Jahren nach London gezogen bin, doch ein wenig blauäugig an die Sache heran gegangen. Ich schiebe es gerne darauf, dass der Zeitraum von der finalen Entscheidung von Berlin in die britische Metropole zu ziehen bis hin zur ruckartigen Umsetzung des Plans doch recht knapp bemessen war.

Als Deutsche, die bisher wenn überhaupt nur ein paar Shopping-/Sightseeing-/Wochenendtrips nach London genossen hat, liegt die Tendenz nah zu denken, dass die britische Mentalität doch gar nicht so viel anders zu der eigenen sei. Ich, die sich selbst nie so wirklich als Vorbild deutscher Tugenden betrachtet hat wurde schnell eines Besseren belehrt. Zum einen sind Engländer nicht pünktlich – im Gegenteil: Sie kommen meist zu spät, wenn sie nicht gerade im Finanzwesen arbeiten. Zum anderen: Solltet ihr an einem kühlen (Herbst-/Frühling-/Sommer-, alles ist kühl) Wintertag plötzliche Lust auf einen Saunanachmittag hier verspüren, gebe ich euch den Tipp auf den Weg, auf jeden Fall Schwimmsachen einzupacken. Ein Handtuch hingegen ist laut britischem Gemüt nicht zwangsläufig von Nöten (mich hatte keiner von dieser Eigenart gewarnt, aber ich wurde stutzig als ein klitschnasser Herr in Badehose mich während meines Saunagangs sehr angeregt versuchte in ein Gespräch zu verwickeln, worauf ich natürlich schlagartig und etwas verwirrt das Etablissement verlies).

Eine weitere Eigenart wie man sie von so ziemlich allen Großstädten kennt sind ihre Hotspots – oder in diesem Fall ihre “Not-spots”: So wie man als Berliner weiß, dass man am besten nicht alleine in der Nacht über den Hermannplatz wandern sollte und mir in New York beigebracht wurde “don’t walk through China Town past midnight and don’t mess with Colombian guys” so gibt es auch für London eine solche Regel und sie lautet: “You don’t go south of the river!”. Besonders nicht, wenn du in North London wohnst. Gemeint ist der südliche Bereich der Stadt unter der Themse. Diese Abneigung lässt sich am einfachsten damit erklären, dass die Zuganbindung nach Mitternacht grausig ist. Denn, nun ja, es gibt keine. Dabei zählt die Gegend um Clapham Junction gerade zu einem von Londons weniger kommerziellen Hotspots (nicht Hipster, aber meistens weniger von Touristen überlaufen), bestückt mit unendlich vielen Bars, Clubs und Restaurants. Und auch tagsüber bietet Clapham eine schöne Aussicht für einen Spaziergang im Sonnenschein, besonders an Herbsttagen. Erst kürzlich trieb mich wieder in den “fernen” Londoner Süden. Nach 30 Minuten Anreise via Overground und den ersten zwei schmackhaften Porn Star Martinis (zwei für 10 Pfund und die Auswahl ist riesig) im Sugar Cane mit seinem hawaiianischen Dekor, war ich mehr als zufrieden mit meiner Exkursion. Der Abend in Clapham hielt was er versprach, das unschöne Erwachen kam erst beim mehrmaligen Umsteigen der fast zweistündigen Heimfahrt mit dem Bus. Somit bescherte mir der kurze Ausflug in den Süden nicht nur einen Martini-Kopf am nächsten Tag sondern auch einen dicken Hals und ein Wochenende im Bett.

Wer demnächst in London ist und einen guten Tag erwischt, dem empfehle ich dennoch mit Notfall-Taxigeld und sorgfältiger Planung den abendlichen Trip gen Süden. Als temporärer Kältemuffel heißt es für mich bis der Sommer eintrifft aber trotzdem wohl erstmal: I won’t go south of the river.

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