London

Danke, Liam Gallagher

Wenn man so  richtig schlecht gelaunt ist und das Gefühl hat, die üble Laune schnell ablassen zu müssen, weil man sonst erst grün anläuft, dann rot anläuft und schließlich platzt, gibt es in London eine Möglichkeit, die ganz bestimmt hilft: Ein Spaziergang in Hampstead Heath. Im Norden Londons gelegen, macht dieses Viertelchen mit Wald- und Wiesenlandschaft samt Hügeln und kleinen Teichen immer gute Laune. Hier vergisst man fast, in London zu sein. Hunde spielen mit Tennisbällen, Väter lassen Drachen steigen und Pärchen laufen in slow motion Hand in Hand. Hätte ich sehr viel Geld, würde ich in eines der schicken Häuser in Hampstead ziehen und nie wieder schlechte Laune haben.

Aber ich bin arm und wohne in Hackney, und so hatte ich dieses Wochenende eine dicke dunkle Wolke über meinem Kopf, während über London die Herbstsonne schien. Der Grund meiner schlechten Laune war der beste Freund meines Freundes, den ich still und heimlich nicht mag (total verboten, ein absolutes NOGO, macht das bloß nicht Mädchen!) und der sich an meinem einzigen freien Wochenende im November bei uns eingemietet hatte. Wenn ich morgens in die Küche kam, stand er schon da, wenn ich nachmittags Fernsehen wollte, saß er schon auf der Couch und wenn es Abend wurde, fragte er mich: “what’s the plan for tonight?” Die Lage war aussichtslos für mich, denn der Freund hat einen ganz besonders großen Platz im Herzen meines Liebsten.

Also wünschte ich mir einen Ausflug nach Hampstead Heath, den wir am Samstag nachmittag dann auch machten – zu dritt natürlich. Die beiden Jungs liefen immer zehn Meter voraus und redeten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich lief alleine hinterher und wurde immer saurer. Ein herrlicher Ausflug! Bis wir endlich den Pub erreichten. An der Theke stand ein Typ in grünem Mod-Parka, langen Haaren an den Schläfen und Sonnebrille trotz dunklem Pub-Lichtes. Um den Hals, über dem Parka, trug er einen bunten Schal. Sieht aus wie Liam Gallagher, dachte ich, aber dann wiederum sehen in London viele Jungs aus wie Liam Gallagher. Wir fanden einen Tisch im “The Holly Bush” und ich trank schnell mein großes Lager, um meine Sorgen mit Alkohol hinunter zu spülen. Dank trank ich noch Tequilla und Jägermeister, schließlich noch ein zweites Pint Lager. Langsam fing ich an, den Freund des Freundes zu mögen.

Und dann passierte noch etwas schönes: Liam Ghallagher setzte sich an meinen Tisch, genau neben mich, und unterhielt mich köstlich. Es war dann doch sehr schnell klar, dass es sich um das Original handelte, denn er sprach einen Manchester-Akzent, unterhielt sich mit seinen vier Freunden, die aussahen wie Liam in jung, nur über Musik und der ganze Raum starrte ständig zu ihm herüber. Ab und zu spielte er Luftgitarre, was ich ihm gerne verboten hätte und er fragte mich nach Feuer, das ich ihm reichte. (Damit zündete er die Kerze auf dem Tisch an, so viel Zeit für gute Stimmung muss sein.) Er zappelte wie ein ADS Kind und war einfach lustig anzuschauen. Am Tisch gegenüber saßen zwei englische Blondinen und er konnte es nicht lassen, sie so stark anzuflirten, dass die Mädels rot anliefen. Proper Birds! rief er die ganze Zeit zu ihnen rüber, Proper Birds! Seine Sonnenbrille nahm er dann sogar ab, um geilen Augenkontakt herzustellen. Die Brille liess er später liegen, als er nach Hause ging. Eine mit braunem Leder bezogene Brille des Labels “Histoire de Voir”, die an ihm sehr gut aussah, mir aber weniger gut steht. Man soll keine Sachen mitnehmen, die jemand anders vor deinen Augen liegen gelassen hat – aber dann soll man auch auf keinen Fall in einem öffentlichen Blog darüber reden, wie sehr man den besten Freund seines Freundes hasst.

Danke, dass du mein Wochenende doch noch gerettet hast, Liam Gallagher. Wenn du deine Brille wieder haben möchtest, ruf mich an.

 

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Auf dieses Thema gibt es 6 Reaktionen

  1. GROSSARTIGE Geschichte! Tolle Autorin

  2. Bravo! Freue mich jede Woche auf Deinen Blog… Endlich mal wieder ein längerer Artikel!

  3. Ja, bravo!!! Sehr schön!

  4. Danke, Liam Gallagher? Danke, Violet Kiani! Großartig geschrieben!

  5. Ich liebe Blogs, wo jedes Wort fühlbar wird.

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