
Clifford Coffins trostlose Wüstenlandschaft, die 1949 als Statement zur Zündung der ersten Atombombe in der Sowjetunion in der Vogue erschien
Modefotografie = Mode und Fotografie? Diese einfache Formel mag in den Anfängen des Modejournalismus gegolten haben. 1909 wurde der Condé Nast Verlag in New York gegründet, um das in 1892 ins Leben gerufenene New Yorker Gesellschafts-Modemagazin Vogue zu verlegen. In nur zehn Jahren erweiterte er das Portfolio um namhafte Zeitschriften wie Vanity Fair, Glamour und die Britische Vogue.
Doch innerhalb kürzester Zeit präsentierte die Vogue mit Fotografen wie Edward Steichen oder George Hoyningen-Huene nicht mehr nur Mode als klassischen Bildaufbau mit Kleid, Frau und Studio, sondern ließ sie mit Licht und Farbe experimentieren. Man Ray durfte seine surrealistischen Traumwelten erschaffen. Richard Avedon seine opulenten Bildwelten, auf denen schon mal Models in Dior zwischen Elefanten posierten. Helmut Newton seinen sexuellen Voyeurismus und spätestens mit der Digitalfotografie und Fotografen wie Nick Knight, Tim Walker oder Ines van Laamsweerde & Vinoodh Matadin wurde die Modefotografie endgültig zur opulenten Erzählform, bei der es nur noch zweitrangig um Mode geht und vordergründig um gesellschaftliche Sehnsüchte, künstlerischen Zeitgeist und vor allem um bombastische Inszenierung.

Diane Arbus gilt als erster erfolgreicher weiblicher Star in der Modefotografie und erlaubte ihren Bildern oft, den Prozess der Fotografie selbst zum Sujet zu machen. Dieses Foto erschien 1948 in der amerikanischen Glamour
Für die Ausstellung „Zeitlos schön – 100 Jahre Modefotografie“, die seit dem 18. August und noch bis zum 28. Oktober in der c/o Galerie in Berlin zu sehen ist, hat der Condé Nast Verlag seine Archive in New York, Paris, Mailand und London geöffnet und Kuratorin Nathalie Herschdorfer hat daraus eine Essenz von 150 Prints zusammengestellt, die einen Überblick über 100 Jahre Modefotografie von Man Ray bis Mario Testino bildet. Der Katalog zur Ausstellung erschien im Prestel Verlag.

In den 60er Jahren sollte nicht mehr opulente Eleganz im Vordergrund stehen, sondern Mode für die Durschnittsfrau. Deshalb forderte die neue Chefredakteurin Diane Vreeland mehr Fantasie von ihren Fotografen. Dieses Foto von Versuschka, geschossen von Franco Rubartelli, erschien 1967 in der Vogue
Wie vielfältig und in welch’ unterschiedliche Richtungen sich die visuelle Modegeschichte dabei entwickelt hat ist anhand der Fotografien von Cecil Beaton, Man Ray, Diane Arbus, Irving Penn, Helmut Newton, William Klein, Albert Watson, Herb Ritts bis hin zu Peter Lindbergh, Mario Testion, Sarah Moon, Corinne Day oder Nick Knight zu sehen.

Modefotografie blieb immer ein Spiegel ihrer Zeit: Albert Watsons Bild erschien 1977 in der Amerikanischen Vogue und pointiert die Dekadenz der Jahre nach der ersten Ölkrise
Viel wichtiger aber als große Namen, ist in der Ausstellung der Beweis, dass die Modefotografie kein Handlanger einer riesigen Industrie ist und nie war, sondern immer ein künstlerisches Experimentierfeld sein wird, um verführerische, provokative, banale, exzentrische und vor allem mächtige Bildwelten zu erschaffen, die nicht selten ein Kommentar zum herrschenden Zeitgeist sind. Diese Wucht entfaltet „Zeitlos schön” besonders durch den 100 Jahre umspannenden Überblick.

Eine von Erwin Blumenfelds experimentellen Inszenierungen aus der US-Vogue, März 1945
“Zeitlos schön”
100 Jahre Modefotografie von Man Ray bis Mario Testino
18. August bis 28. Oktober 2012
c/o Gallery
Oranienburger Straße 35/36
10117 Berlin
Öffnungszeiten: täglich von 11 bis 20 Uhr

Hans Feurers visualisierter Fitnesswahn in der Französischen Vogue 1975
