
Ist es nur eine Frage der Zeit, bis Mens- & Womenswear keine Rolle mehr spielen werden und sich die Mode zu einer vermengt? | Rad Hourani H/W 2012-13
Hut ab, das wagte bislang nur Jean Paul Gaultier! Rad Hourani, gebürtiger Jordanier und schon seit vielen Jahren als Modedesigner in Paris, präsentierte dort gerade zu den Couture Schauen Haute Couture für den Mann. Wobei Hourani sogar noch einen Schritt weiter ging und Unisex Haute Couture an Männern und Frauen zeigte. Das funktioniert so gut, weil Hourani – bekannt für seinen düsteren Minimalismus – sowieso keine Haute Couture aus üppigen Perlenapplikationen, biestigen Straußenfedern oder zuckersüßer Spitze entwirft. Charakteristisch sind bei ihm gefaltete und gelayerte Silhouetten, innerhalb derer sich die Stücke wie beim Origami zugleich organisch verbinden und trotzdem geometrische Einzelformen bleiben.

Zwar präsentierte Jean Paul Gaultier im letzten Jahr auch schon Haute Couture Looks für Männer, doch Rad Hourani zeigte in Paris Unisex Haute Couture
Geschlitzte, schmale Lederleggings, kohlefarbener Strick als Jacken, Capes und Westen, glänzend beschichtete Materialien, deren Effekt durch die volantartig fallenden übergroßen Revers und dem Wechsel aus festen und transparenten Gewebe betont wird, scharfkantige Ledereinsätze oder -einfassungen und ausschließlich Looks in Schwarz, Navy oder Onyx – und sparsam dosiertes Weiß.

Geschlecht oder Körperform interessieren ihn nicht. Hourani geht es um die Sinnlichkeit der Geometrie und Kleidung an sich
Das erinnert an einige Pariser Zeitgenossen, doch konfrontiert man Rad Hourani mit möglichen Referenzen, betont der kanadische Designer seine Eigenständigkeit. Rick Owens? Gothik sei nicht was er mache, gibt Hourani zu Protokoll. Martin Margiela? „Ich bin kein Konzeptionalist.“ Bliebe noch Gareth Pugh? Doch auch hier unterscheide sich Pughs Lackfuturismus von den eigenen glänzenden, aber sehr modernen Gegenwartsentwürfen, erklärt der 30-Jährige.

Rad Hourani wuchs in Jordanien und später in Montreal auf, inzwischen lebt der 30-Jährige in Paris
Diese Abgrenzung könnte man nun vermessen finden, doch tatsächlich scheint der ehemalige Stylist wenig auf Zeitgeist und Erfolg zu geben. Rad Hourani wollte schneidern und das hat er getan. Konzept, Vertrieb, Verkauf und blumiger Beifall erscheint ihm wie buttrig-süße Glasur auf dem Kuchen: Hübsch, aber wenig notwendig für sein persönliches Glück. Mit dieser Tiefenentspannung ist es sicher zu erklären, dass er sich an das heikle Thema Crossdressing wagt.

Die Herbst/Winter-Kollektion 2012-13 backstage in Paris
Dabei ist das nur folgerichtig, denn während die formsprachlichen Ideen bei den Frauen immer flüchtiger werden und viele Designer in Wirtschafts-, Konkurrenz- und Neuerungsdruck erstarren, schneidern etablierte und junge Menswear-Designer mit einer Lässigkeit, die ihresgleichen sucht.
„Indem die Männermode eine Widergeburt erlebt, gibt es mehr Raum für Experimente und Entdeckungen und das verstärkt sich noch durch ein sich wandelndes Rollenbild. Männer haben damit begonnen, sich eine liberalere Sicht auf das Wort „Männlichkeit“ anzueignen und das eröffnet eine Bandbreite von Optionen selbst für die biedersten und herkömmlichsten Denker,“ erklärt der britische Modedesignern Joe Casely-Hayford im Interview. Es könnte also sein, dass es sowieso nur eine Frage der Zeit, bis es keine Rolle mehr spielt, ob man Frauen- oder Männerkleider trägt, bald schon wird sich die Mode zu einer vermengen.

Rad Hourani präsentierte seine Entwürfe für Herbst/Winter 2012-13 zu den Couture-Schauen im Juli in Paris
Hourani selbst bezeichnet seine Looks als „asexuell“ und erklärt, er kümmere sich beim Entwerfen nicht um Geschlecht oder Körperform. Ihm gehe es um die Sinnlichkeit der Geometrie und Kleidung an sich. Und tatsächlich, auch ohne Geschlechtertrennung umgibt seine kantigen, dekonstruierten Unisexlooks eine Art Sex, die sich eher intellektuell aus der Symbiose von Form und Material ergibt. Dann ist man schnell bei Helmut Lang. Doch auch in dieser Schublade wäre es ihm wohl zu eng. Nur zu dunkel sicher nicht.
