Berlin

Kommentare deaktiviert

Brieffreundschaften: Letters of Note

10 Jahre bevor die Pop Art Nordamerika und Europa eroberte lehnte das MoMa Andy Warhols Angebot ab, dem New Yorker Museum seine Zeichnung "Shoe" zu schenken. Aus Platzmangel. © Letters of Note

Wer hätte gedacht, dass Michele 1979 mit dem 14-jährigen Saul Hudson aka Slash Schluss machte, weil er zu oft  über seine Gitarre sprach? Und dass der spätere Guns N’ Roses Gitarrist in blitzsauberer Handschrift Besserung gelobt und zum letzten Gruß ein Hanfblatt malt, das angeblich perfekt gewesen sei „bis er die beschissenen Blattlinien eingezeichnet hatte“.
Oder das Aldous Huxley George Orwell in einem langen Brief für „1984“ dankt und mit ihm über die Revolution und Freuds glückliche Unfähigkeit der korrekten Hypnose philosophiert? Oder dass das New Yorker MoMa 1956 ein höfliches Antwortschreiben an Andy Warhol schickt, in dem sie bedauern, sein großzügiges Angebot, dem Museum eine Zeichnung mit dem Titel „Shoe“ zu schenken, aus Platzgründen nicht annehmen zu können.

Jeden eingereichten Brief überprüft "Letters of Note"-Gründer Shaun Usher auf seine Echtheit, bevor er auf den Blog gestellt wird. © Letters of Note

Shaun Usher hat mit seinem Blog „Letters of Note – Correspondence deserving of a wider audience” eine kulturelle Schatztruhe geschaffen, die mal wieder von der Magie des Internets und ihrer Nischen erzählt.

Dank seiner eigenen Recherchen und der regen Zusendungen von Originalbriefen, Abschriften oder Fotografien, die Usher zunächst auf ihre Richtigkeit prüfen lässt bevor sie auf den Blog kommen, hat er ein Archiv mal absurder, mal ergreifender, oft abenteuerlicher oder geschichtlich spannender Korrespondenzen zusammengestellt, die der normalen Geschichtsschreibung eine weitere Facette hinzufügen: persönliche Blickwinkel oder bürokratische Absonderlichkeiten (wie zum Beispiel der Brief der Immobilienagenten an Warhol bezüglich seiner ausschweifenden Partys in der „Factory“ 8 oder die Glückwünsche der Muppets an die NASA zur ersten Mars-Expedition).
Emotionale Einblicke (wie der Brief eines früheren Sklaven an seinen damaligen Herren) oder die ganz simple Erkenntnis, dass der handgeschriebene Brief einst das Kommunikationsmittel war und dieser (wohl überlegte) Gedankenaustausch eine Formvollendung besitzt, an der es heutzutage jeder Email fehlt.

Alles was in einem Interview von einem Gespräch übrig bleibt ist "ein bleicher, steifer und wiederwärtiger Kadaver", schreibt Mark Twain und bittet Edward Bok 1888, das geführte Interview seinen Lesern doch bitte zu ersparen. © Letters of Note

Doch die Frage der Etikette ist nur ein Nebenschauplatz von „Letters of Note“. Vornehmlich geht es um Anekdoten, die der Öffentlichkeit wohl ohne Ushers investigative Vorliebe vorenthalten geblieben wären.
So zum Beispiel die, dass der Pulitzer-Preis-Gewinner und Journalist Edward Bok im Dezember 1888 ein Interview mit Mark Twain führte, das er in seiner wöchentlichen Kolumne veröffentlichen wollte. Das Interview allerdings wurde nie gedruckt, denn statt es freizugeben schickte Twain Bok einen Brief, in dem er ihm erklärte warum er Interviews für eine völlig unzureichende Textform hält:

„ (…)Die gesprochene Sprache ist eine Sache, das geschriebene Wort eine völlig andere und Print ist das angemessene Medium für das geschriebene Wort, aber nicht für das gesprochene. In dem Moment, in dem ein Gespräch gedruckt wird, wird einem bewusst, dass es nicht mehr das ist, was es war als man es hörte; es wird einem klar, dass etwas ganz Essentielles verschwunden ist. Nämlich seine Seele. Und dass man nicht mehr in der Hand hält als ein totes Gerippe. Die Farbe, die unterschiedlichen Variationen der Stimme, das Lachen, das Lächeln, die informativen Wendungen, alles was dem Gespräch Wärme, Güte, Freundlichkeit und Charme gibt, ist verschwunden und übrig ist nicht mehr als ein bleicher, steifer und wiederwärtiger Kadaver.

(…) Sie sind in ihrem höchst akkurat vorgegangen und haben die Sätze genauso niedergeschrieben, wie ich sie gesagt habe. Aber es gibt darin kein einziges Wort der Erklärung dazu, wie ich mich bei bestimmten Angelegenheiten verhielt. Aus diesem Grund kann keiner Ihrer Leser wissen wann ich etwas ernst meinte und wann ich scherzte. Diese Art der Unterhaltung hat keinerlei Wert. Der Leser kann sie so oder so deuten, nur niemals richtig. Und die richtige Interpretation in Ihr Interview hinzuzufügen, würde eine so hohe und schwierige Kunst erfordern, dass der, der sie besitzt, sie niemals auf Interviews verschwenden dürfte.

Nein, ersparen Sie das Ihren Lesern. Und ersparen Sie es mir. Lassen Sie das ganze Interview draußen; es ist Müll. Ich würde nicht mal im Schlaf reden, könnte ich mich nicht besser ausdrücken als auf diese Art.
Wenn Sie etwas drucken möchten, drucken Sie diesen Brief; der hat vielleicht einen Wert, denn er mag dem Leser erklären, dass in jedem Interview Männer sprechen wie irgendjemand, nur nicht wie sie selbst.”

Hochachtungsvoll,
Mark Twain

Es sind Briefe wie diese, die es aufgrund ihrer privaten Natur in kein Buch und keine Geschichtsschreibung schafften, die aber vielleicht mehr über den Mensch und seine Zeit erzählen als jeder Historiker das kann. Und im Fall von Twain wohl sogar über seine Zeit hinaus. Denn diese Überlegungen hätten uns sicher das ein oder andere leblose Interview, in dem man den Interviewten nicht sprechen, sondern nur parolisieren hört, erspart.

Letters of Note ist mehr als ein staubiges Archiv im Netz. Es ist eine Fundgrube des absonderlichsten Begebenheiten, die es nie in ein Geschichtsbuch schafften. Hier ein Brief von Rolling Stones-Frontman Mick Jagger an Andy Warhol. © Letters of Note

Es sind keine Kommentare erlaubt.