Berlin

The Cutting Edge – H&M schlägt zurück

Menschen-, tier- und umweltfreundlich. So hätte man sich die Lanvin für H&M-Kollektion eigentlich gewünscht. Ab April gibt es die "H&M Exclusive Conscious Collection" in 100 ausgewählten Filialen weltweit

Der schwedische Markenriese H&M hatte es in diesem Jahr nicht leicht. Gleich zu Beginn des Jahres sendete die ARD einen „Markencheck“, der dem Konzern zwar bescheinigte, bei Preis und Qualität in den meisten Fällen besser als die Konkurrenz dazustehen, die Produktions- und Arbeitsbedingungen, unter denen H&M Mode hergestellt wird, aber beweisen, dass das Unternehmen mehr wert auf Gewinnmargen als auf soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit legt. Das Medienecho war groß, trotz des Umstands, dass jeder diese Schlussfolgerung natürlich auch einfach selbst hätte ziehen können.
Doch irgendwie hatte man es sich mit der schlichten Bekenntnis zum firmeneigenen „Code of Conduct“ bequem gemacht, den sich inzwischen fast alle großen Unternehmen verordnen und in dem festgeschrieben steht, wie mit Angestellten, Zulieferern, benötigten Ressourcen und auch mit der Frage nach Transparenz umgegangen werden soll. Und auf dem Papier steht dort natürlich: menschen-, tier- und umweltfreundlich. Klar.

Michelle Williams trug das zweiteilige Kleid aus elfenbeinfarbener und schwarzer Baumwolle zu den British Fashion Awards im Februar 2012, Amanda Seyfried trug den blauen Anzug mit schwarzer Paspelierung schon im Oktober zur Premiere von "In Time"

Nun erscheint die „H&M Exclusive Conscious Collection”, eine limitierte Kollektion, die ausschließlich aus Materialien wie Bio-Baumwolle, Hanf, Seide und recyceltem Polyester besteht. Man muss der Fairness halber sagen, dass H&M schon 2009 damit begonnen hat, Teile der Produktion auf ressourcenschonende Methoden umzustellen und Einzelstücke aus organisch angebauter Baumwolle zu produzieren.

Der fotorealistische Print und die abgerundete Silhouette erinnern an die Entwürfe der griechischen Designerin und BAFTA-Award Gewinnerin Mary Katrantzou

Die in nur 100 ausgewählten Filialen und online erhältliche Kollektion ist also keine direkte Reaktion auf die Negativpresse, sondern eher ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, den Designer wie Stella McCartney oder Bruno Pieters bereits konsequenter gehen, während Modeketten wie Zara, H&M oder Primark noch immer die Erwartungshaltung ihrer Käuferschaft nach möglichst billigen Produkten bedienen. Und für die ökologische vertretbare Mode noch immer formloser Strick und farbloser Leinen bedeutet.

Mit der Conscious Collection könnte H&M aber nun auch dem letzten Zweifler in der Menge beweisen, dass weder Design noch Preis leiden, wenn man in größeren Stückzahlen produziert. Um dieses Geheimnis medienwirksam zu verbreiten, erschien Michelle Williams zu den BAFTA Awards, den British Academy Film Awards, im Februar diesen Jahres in einem zweiteiligen 40er Jahre Corsagenkleid und überraschte die Medien, als sie erklärte, das Kleid stamme von H&M.

Zwischen 20 und 300 Euro werden die Stücke der Kollektion kosten, die cremeweiße Seidenbouclé-Robe mit plissiertem Organzarock ist auf nur 1000 Stück weltweit limitiert

Letzte Woche bekam die Presse nun auch den Rest der, ab dem 12. April erhältlichen, Kollektion zu sehen. Und gestalterisch hätte man sich mit dieser Kollektion tatsächlich nicht weiter von allen gängigen Klischees entfernen können. Puristische Cocktailkleider aus Hanf und Seide, ein knallblauer Anzug aus Biobaumwolle, recyceltem Polyester und Wolle mit schwarzer Paspelierung und kurzen Shorts oder ein cremeweißes Abendkleid aus Seidenbouclé und plissiertem Organzarock, das eher an eine Oscar de la Renta Robe als an ein H&M Entwurf erinnert.

Und wer ganz ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass man sich solche Abendroben 2010 von Albert Elbaz gewünscht hätte, dessen Lanvin-Kollektion für H&M sah dagegen nämlich eher aus, als wäre sie für partywilde, britische Teenagerin gemacht statts fürs Parlieren bei Häppchen und Wermutgetränk.