
aus: Pretty Ugly - Visual Rebellion in Design | Gestalten Verlag
Wie ist der ideale Rebell? Selten ist er gut gefönt, schleppt noch etwas Duft von eisigem Bergwasser mit sich, hat gute Manieren und versucht, seine Ideen mit pfarrersgleicher Geduld unters Volk zu bringen. Rebellen sind in Aufruhr. In geistiger jedenfalls. Schließlich geht es um nicht weniger als die Frage, wie das große Ganze neu geordnet werden soll. Gehetzt, verschwitzt, ungehobelt sind sie auch. Meistens jedenfalls.

aus: Pretty Ugly - Visual Rebellion in Design | Gestalten Verlag
Gerade hat der Gestalten Verlag „Pretty Ugly“ herausgebracht – ein Buch als Überblick über die jüngsten Bewegungen im Design. Genauer: in Grafikdesign, Visueller Kommunikation, Produktdesign, Möbeldesign, Kunst und auch Fotografie. Dargestellt wird eine Art Amoklauf von Wegbereitern des neuen Designs. Des von morgen natürlich. Und deshalb neu.
Es mag auf den ersten Blick befremdlich sein, ein Designbuch „Schön hässlich“ zu nennen, weil es paradox klingt. Aber vor allem auch weil man im Design bisher nur eine Richtung kannte: Gefallen musste es. Und funktionieren. Während die Kunst provokant und auch immer schon hässlich sein durfte, hüllten Designer ihre Betrachter in wohlige Wolken einer Ästhetik die anziehend, bekannt und nie anstößig war. Im schlimmsten Fall minimal – doch so richtig allein ließen sie einen mit den eigenen Fragen eigentlich nie zurück.

aus: Pretty Ugly - Visual Rebellion in Design | Gestalten Verlag
Keine Spur von rauen, wilden Revolutionen wie in der Kunst. Pablo Picassos wütendes Bild „Les Demoiselles d’Avignon“ (Die Fräulein von Avignon) beispielsweise, das einst von den Betrachtern verachtet wurde, weil die Prostituierten den Betrachter unerbitterlich anstarrten und die gegenwärtige Kultur in Frage zu stellen schienen. Inzwischen gilt das Bild als Beginn des Kubismus und der klassischen modernen Kunst. Oder Stravinskys disharmonische und komplexe Rhythmusstrukturen bei „Die Frühlingsweihe“, seine Dritte der Ballettmusiken, die 1913 ein Skandal war, heute aber als eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts gilt.

aus: Pretty Ugly - Visual Rebellion in Design | Gestalten Verlag

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Doch dass Mike Meiré jedoch 2007 begann, das Magazin “032c” neu zu gestalten – mit wackligen Schriften, zu dünnem Papier und anderen Tabus – rief eine ganze Welle von „Ungezogenen“ auf den Plan. Plötzlich sah man Dada-eske Grafiken oder völlig unleserliche Typographien im Grafikdesign. Rätselhafte Kompositionen, Reizüberflutung und Collagen in der Fotografie. Und auch Möbel entstanden nicht mehr nur im Einklang mit zurückhaltenden Mid-Century Klassikern von Ray und Charles Eames, Arne Jacobsen oder Harry Bertoia. Stattdessen nutzten Designer wie Konstantin Grcic neue Materialien und Herstellungsformen, um Produkte als Beweis unserer Gegenwart zu entwerfen. Flexible, intelligente Möbel, die nicht zeitlos und klassisch aussehen, dafür aber unseren Sehsinn anregen und unsere Gewohnheiten hinterfragen. Im besten Fall verändern sie diese sogar.

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„Pretty Ugly“ stammt vom ehemaligen Hort Designer Martin Lorenz und dessen Frau Lupi Asensio, die inzwischen in Barcelona arbeiten und dort “TwoPoints.net” gegründet haben.
Und die Ironie bei der Sache mit der Hässlichkeit ist natürlich, dass etwas Hässliches zu schaffen heute denkbar schwer geworden ist. Es gibt schon lange keine Regeln mehr. Und ebenso keine Tabus. Gefunden haben Lorenz und Asensio das (ganz) schön Hässliche natürlich dennoch. Doch das tut nicht weh. Im Gegenteil: Die Arbeiten irritieren, fordern heraus, manchmal ärgern sie einen sogar. Denn sie liegen jenseits dessen, was unsere trägen Augen im Alltag gewohnt sind. Und so werden sie schließlich schön.

aus: Pretty Ugly - Visual Rebellion in Design | Gestalten Verlag
