
Indianermädchen mit entrücktem Blick mag man häufiger auf dem Coachella treffen, wurden zum Dockville oder auf dem Berlin Festival aber auch schon gesichtet | Free People S/S 2012
Festivals sind schön und schrecklich zugleich. In der Theorie (oder eher Phantasie) gehören zu einem erfolgreichen Festivalwochenende warmes Sonnenlicht, zersauste Haare und entrücktes Tanzen zur Lieblingsband. Bohèmehafte Spitzenkleider, Westen mit fliegenden Fransen, ausgebleichte Jeans, viele Armbänder und im besten Fall umwerfend schöner Federkopfschmuck, wie man ihn in der aktuellen Spring/Summer-Kollektion von Free People fand. Solche betörenden Augenblicke finden allerdings meist nur vor den Toren von Palm Springs während des alljährlichen Coachella Festivals statt. Und vielleicht noch im dänischen Roskilde. Auf deutschen Äckern muss man sich bereits über die Tatsache freuen, genügend Blumen sammeln zu können, um daraus Kränze zu flechten. Ein schlammbesudeltes Worst-Case-Szenario gar nicht miteingedacht.

Das Dockville Festival, das immer im August auf der Elbinsel Wilhelmsburg stattfindet, ist eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und Musik, aus Fans und Freigeistern, die sich nicht an Festivalpläne klammern bis die Hände schwitzig sind, sondern dort bleiben, wo es ihnen gerade gefällt

Hanseatenromantik: „Unten am Fluss, mit den Füßen im Sand und den Blick auf die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen mit Neonlichtaugen..." | Gisbert von Knyphausen "Kräne"
Nach dem ein oder anderen Versuch mich an diese Form des sommerlichen Musikgenusses zu gewöhnen – dabei aber kläglich am gespanntem Zeltseil, klammen Denim und großkotzigen Teenagern gescheitert – wachsen mir Festivals im urbanen Gebiet zunehmend ans Herz.
Während das Hamburger Dockville Festival auf der Elbinsel Wilhelmsburg seit 2009 beweist, dass leichtherziger Kollektivcharakter, Kunst und Musik, friedliche Natur und wilde Kräne, Tagesticket und prächtige Indianermädchen durchaus zusammen gehen, schaffen es die Macher des Berlin Festivals, die kolossale, manchmal etwas seelenlose Flughafenanlage Tempelhof in einen riesigen Musikspielplatz zu verwandeln. Vielleicht nicht ganz so phantasievoll wie die Bar 25, doch diesen Wehmutstropfen lässt das Line-Up in Kürze vergessen.

Berlin Festival 2011
In diesem Jahr werden am kommenden Wochenende u.a. Little Dragon, Cro, Whomadewho, Paul Kalkbrenner, Michael Kiwanuka, The Killers, Junip, Signor Rós, Major Lazer, Grimes, Ghostpoet, SBTRKT, Of Monstes And Men, Friendly Fires oder Bonaparte in Tempelhof auf der Bühne stehen. Während danach im angeschlossenen Club X-Berg in der Arena Berlin, dem Arena Club, Glashaus und Badeschiff u.a. Brandt Bauer Frick, Crookers, Hercules & Love Affair, Modeselektor, Metronomy, Simian Mobile Disco, Marius Funk, Junior Boys oder Dillon bis zum Morgengrauen auflegen bzw. performen werden.

Berlin Festival 2011
Und ja, auch auf einem alten Flugfeld lassen sich nur schwer phantasievolle Blumenkränze flechten. Dafür darf man den Nachtnebel aber zu Hause ausschlafen, kann sich riesige Portionen Speckeier am Morgen braten und hat zwei Tage lang kein Heimweh, sondern tanzt entrückt zur Lieblingsband.
Berlin Festival 2012 – 7. bis 8. September
Flughafen Berlin Tempelhof
Platz der Luftbrücke
12101 Berlin
Tickets und das vollständige Line-Up gibt es hier.
