Berlin

Entspann Dich mal! – Berlin Fashion Week

Weite Hosenbeine, schwingende Schnitte, zarte Farben: die Berliner Modewoche hat eine neue Leichtigkeit gefunden und macht mit lässigem Dolce Vita den Italienern Konkurrenz.

Augustin Teboul Spring/Summer 2013 | Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Auf der 11. Berlin Fashion Week ging es zu wie in einem Yoga-Kurs. Überall wurde entspannt, gab man sich entspannt und der einzige, der dieser Tage noch nicht therapiert gewesen schien war Karl-Heinz Müller, Chef der Bread & Butter, die parallel zu den Modenschauen im Flughafen Tempelhof stattfand. Denn die Bread & Butter war diesmal neben Premium und Bright nicht die einzige Messe, die aus der Fashion Week einen Ausnahmezustand machte weil sich von Mittwoch bis Samstag, von morgens bis tief in die Nacht alles nur um Mode drehte. In diesem Jahr fanden zehn weitere Messen parallel statt und buhlten neben über 40 Modeschauen um die knappe Zeit der Einkäufer, Journalisten und Prominenten. Das passte dem erfolgsverwöhnten Müller weniger. Versteht der sich doch ein bisschen als Schöpfer dieses „Modeplaneten Berlin“ weil er mit seiner Messe schon 2003 von Köln nach Berlin gezogen ist. Noch bevor Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit erstmals von der Hauptstadt als „arm, aber sexy“ zu sprechen und Berlin als deutschen Modestandort auszuloben begann.

Doch wer auch immer verantwortlich ist, inzwischen lockt die Fashion Week zweimal im Jahr etwa 100.000 Besucher nach Berlin und bringt der Stadt mehr als 120 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Grund zur Tiefenentspannung gab es also mehr als genug.

Escada Sport Spring/Summer 2013| Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Doch vor allem in den Schnitten und Designs selbst schien sich eine neue Entspanntheit breit gemacht zu haben. Kein „Locker bleiben!“ nach Berliner Format, das so oft zu ironischen, untragbaren Stücken geführt hatte. Stattdessen präsentierten sowohl die großen Modenamen wie Escada Sport, Schumacher, Hugo – die junge Linie von Boss, Rena Lange und auch die jungen Hoffnungsträger wie Augustin Teboul, Vladimir Karaleev, Dawid Tomaszewksi oder Michael Sontag eine neue Leichtigkeit in ihren Ausblicken auf das, was man im Frühjahr/Sommer 2013 trägt.

So sah man bei Escada Sport die üblichen launigen Sommerlooks in Knallfarben und Streifen, aber auch weite Marlenehosen zu leichten Chiffonblusen und Schlapphüten aus Stroh, kurze Strickpullis zu gebatikten langen Röcken und das ganze untermalt von Musik, dank derer man sich sofort weg aus dem drückend heißen Berlin und an die Copacabana phantasierte.

Schumacher Spring/Summer 2013| Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Die Mannheimerin Dorothee Schumacher schien sich ihre Inspiration bei Yves Saint Laurents Safari-Looks der späten Sechziger geliehen zu haben und präsentierte neben unterkühlten Neunziger Jahre Looks mit schmalen Hosen, Mules und Mänteln, bequeme Hosen und Hemden in glänzenden Khaki- und Schlammtönen.

HUGO by Hugo Boss Spring/Summer 2013 | Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Und auch bei Hugo by Hugo Boss wurden die sonst so geschäftstermintauglichen Anzüge, Blusen und Kleider in federleicht schwingenden, schimmrigen Materialien und sommerlichen Pastells in Mint, Rosa und Weiß gefertigt und mit Hologrammpartien versehen, die an prachtvolle Unterwasserlandschaften denken ließen. Und die US-Schauspielerin Kate Bosworth in der ersten Reihe dazu veranlassten, das Geturtel mit ihrem Freund sein zu lassen und stattdessen begeistert Fotos mit dem Handy zu schießen.

Michael Sontag Spring/Summer 2013 | Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Doch es waren nicht nur die großen Namen, die für kommenden Sommer eine neue Lässigkeit propagierten. Auch der Berliner Nachwuchs, dem man so oft Borniertheit vorgeworfen hatte, weil seine Designer sich lange weigerten ihre Mode zugänglicher, kommerzieller und damit auch tragbarer zu machen, hatte sich offenbar selbst Entspannung verordnet. So konnte Michael Sontag dank seiner Kooperation mit dem Hamburger Schuhhersteller Görtz wieder eine Kollektion auf dem Laufsteg präsentieren und zeigte Mode, die erstmals von seiner unterkühlten Sachlichkeit abrückt und dank Kontrasten aus weichen und starren Formen, kräftigen und entsättigten Farben, elegante Alltagstauglichkeit garantiert.

Augustin Teboul Spring/Summer 2013 | Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Die Designerinnen hinter Augustin Teboul bestätigten in einem mondänen Salon im Westen der Stadt all ihre Fans und Förderer wie beispielsweise Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp, die den beiden schon immer Furioses zugetraut hatte. Indem sie sich endlich mal locker gemacht hatten und ihre sensationellen feingliedrigen Häkelarbeiten und die krustigen Stickereiornamente nur noch reduziert in Cocktailkleider, Lederjacken und Hosen einarbeiteten. So kam die düstere Schönheit ihres Designs endlich aufsehenerregend zum Vorschein.

Perret Schaad S/S 2013 | Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Auch Perret Schaad blieben ihrer eleganten Einfachheit treu. Die Farben dezent – blasses Rosa, helles Grün, Grau, Creme und pfirsichhafte Pastells, die Stoffe zart und fließend. Doch statt wie für Herbst/Winter auf sehr sachlich-tragbare Businesssilhouetten zu setzen, fand man in ihrer Frühjahr/Sommer-Kollektion eine neue, wenn auch architektonische, Sinnlichkeit. Hüftlange Blazer und steife Organzas oder Baumwolle gaben Struktur, formten mal dreieckige Rockverläufe, mal Ecken, Sterne und Asymmetrie am Dekolleté, klare Linien sorgten bei flatterigen Seidenkleidern für Modernität und auf allem lag ein natürlich schimmernder Glanz, der an die fühlbare Sinnlichkeit eines heißen Sommertags denken lässt.

Vladimir Karaleev Pre Collection 2013 | Mercedes-Benz Fashion Week Berlin

Und Vladmir Karaleev, der Wahlberliner mit den bulgarischen Wurzeln, nahm das – natürlich unabgesprochene – Motto dieser Modewoche wörtlich und setzte seine Models der vollen Dröhnung Gelöstheit aus. Zu The Doors und Siouxsie and the Banshees wiegten sich die Mädchen in seinen luftig herabhängenden Kleidern, Bermudas und Blusen mit den fehlenden Nähten, den schiefen Säumen, den ungebügelten Stoffen in Grau, Creme, Rosa und Gelb. Hin und her, hin und her. Drehten sich mal langsam oder drehten am Haar. Waren selbstversunken gelangweilt und präsentierten keinen Glanz, sondern das, was jeder an einem heißen Sommertag tatsächlich tragen will.

"BIG TIME - Der legendäre Stil der „Männer-VOGUE“ 1984 – 1989" herausgegeben von Karl Lagerfeld & Beda Achermann

Das bedeutet, im kommenden Frühjahr/Sommer trägt und gibt man sich locker, üppig wird höchstens bei Farben und Stoffmengen geklotzt und es wird Mode getragen, die schön aber dank Ecken und Kanten nie harmlos ist. Man gewann den Eindruck, Berlin hat endlich seine Mitte gefunden. Und für den Fall, dass nicht, gab Münchens Barlegende Charles Schumann den Hauptstädtern bei der Buchpräsentation von “BIG TIME – Der legendäre Stil der „Männer-VOGUE“ 1984 – 1989″ von Karl Lagerfeld & Beda Achermann hinter der Theke bei Andreas Murkudis gleich noch mit auf den Weg: „Immer schön locker bleiben! Ich mache nie mehr als zwei Dinge auf einmal.“ Entspannung will eben gelernt sein.

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