Berlin

DOs & DON’Ts der Fashion Week – Teil 2


Das Modekarussell dreht sich längst weiter. Gerade noch zurückhaltend leise in Stockholm, nächste Woche dann mit Beschleunigung in New York. Hier und da wird es sich etwas schneller drehen, zum Beispiel wenn Männermode in New York zu sehen sein wird. Die wurde in den letzten Jahren nämlich immer interessanter. Interessanter als früher, aber zum Teil auch detailreicher und aufregender als das, was für Frauen gezeigt werden wird. Tim Coppens , Patrik Ervell oder Rad Hourani sind Kandidaten, die dem etwas tragbareren Querschnitt New Yorks einiges an visionärer Schärfe verleihen. Aber natürlich lohnt sich der Blick über den Atlantik auch wegen Rodarte, Marc JacobsAlexander Wang , A Detacher , ThreeasFOUR  und ja, auch wegen Proenza Schouler .

Doch kommen wir zum eigentlichen Thema zurück. Einem letzten Blick zurück nach Berlin. Kurz vor Beginn der Berlinale ist hier alles wieder auf Normalgröße geschrumpft. Und auch Helmut Dietls „Zettl“ kommt so realitätsfern daher, dass gerade mal mehr über den Sinn dieses Films als die Nabelschau der Hauptstädter aus der Perspektive eines Münchners gesprochen wird. Es passt also gut, zu dem Schluss zu kommen, dass Berlin modisch dort stark ist, wo es weniger glamourös und dafür sachlicher sein will. Sachlich, nur nicht harmlos.

DON'T ! Vladimir Karaleev F/W 2012-13 | © Mercedes-Benz Fashion Week DO!

Vladimir Karaleev  beispielsweise zeigte mit „Complex Overlay“ die mit Abstand beste Kollektion der Berlin Fashion Week. Der Designer, der seine Entwürfe meist direkt an der Puppe ohne Skizzen entwickelt, präsentierte Silhouetten, die eigentlich immer aus zwei bis drei kontrastierenden Materialien, Farben und Schichten bestanden.

Doch Karaleev beherrscht es, dieses vermeintliche Chaos aus asymmetrischen Faltengruppen, übereinander gelegten Lagen aus Filz, Chiffon und Strick, offenen Nähten und dem Zuviel an Stoff in ein schlüssiges Kleidungsstück zu verwandeln. Wie Mode, die an und mit dem Körper seines Trägers gewachsen ist, sieht das aus. Wie eine Einladung, sich gegenseitig zu beeinflussen. Die Mode den Menschen, aber auch der Mensch die Mode. Unfertig, um mit dem Stück „fertig“ zu werden. Das ist große Schneiderkunst und ganz viel Geist.
Und deshalb war der etwas sehr spröde Look aus korngelbem Shirt zum beigefarbenen Rock mit einem Gürtel, der wie zwei Jackenärmel in der Taille geknotet wird, schon in dem Moment wieder vergessen als das Model im Backstage-Bereich verschwand.

DON'T ! Perret Schaad F/W 2012-13 | © Mercedes-Benz Fashion Week DO!

Auch Perret Schaad lassen ihren sachlichen Minimalismus immer wieder fließen, um ihm dann durch unerwartete Drapage oder gesteifte und beschichtete Organzastoffe die richtige Dosis Futurismus zu verpassen. Doch während einige Outfits diese Mischung aus Klassik und Jetztzeit besaßen, hätten andere – wie der schieferfarbene Hosenanzug links – ruhig  mehr Leben und weniger Neunziger-Jahre-Askese gebrauchen können.

DON'T ! Patrick Mohr F/W 2012-13 | © Mercedes-Benz Fashion Week DO!

Nachdem der Münchner Patrick Mohr sich in der Vergangenheit selbst zum Enfant Terrible der Berliner Modewelt gemacht hatte – indem er mal Obdachlose als Models über den Catwalk schickte, mal Bodybuilder, denen er Hasenzahnprothesen anklebte – war die Überraschung in diesem Jahr, dass es keine Überraschung gab.
Mohr präsentierte normale Models in pragmatisch praktischer Sportswear. T-Shirts, übergroße Cardigans, wollene Leggings oder Jogging- als Anzughosen getarnt, deren Detailversessenheit sich bei den Mohr-typischen geometrischen Mustern und Säumen zeigte. Während sich das ein oder andere dabei etwas zu sehr an den Durchschnittsmann in einer westdeutschen Kleinstadt richtete, besaßen Looks wie das schwarz-rot schillernde Frackjackett ohne Schwalbenschwanz zu T-Shirt, Anzug hose und grimmigen Lederhandschuhen die richtige Mischung aus Tragbarkeit und launischer Männlichkeit.

DON'T ! Schumacher F/W 2012-13 | © Mercedes-Benz Fashion Week DO!

Bei der Schumacher-Schau ging es wie immer zurückhaltend elegant zu. Doch dass ein und dieselbe Designerin den schlammig-grünen Lederlook links schneidern konnte, der sich bestenfalls für eine satirische Kostümierung der Münchner Schickeria aus Helmut Dietls guten Zeiten eignet, anderseits aber so Aufsehen erregende Zwanglosigkeit präsentierte, wie die an Luca Gadjus rechts, die auch von Dries Van Noten hätte stammen können, lässt einen doch etwas erstaunt zurück.

DON'T ! Noir F/W 2012-13 | © Mercedes-Benz Fashion Week DO!

Das Interessante, wenn man hauptsächlich in einem Farbspektrum arbeite, sei Kontur und Struktur trotz Einfarbigkeit zu finden, gab die dänische Designerin Tilde Bjerregaard zu ihrer Kollektion von Noir zu Protokoll. Und so präsentierte sie eine präzise Mischung aus femininen und maskulinen Formen, die perfekt saß, ohne groß Aufhebens zu verursachen. Doch während die aufgesetzte Hybris aus Kummerbund und Hüfttasche in Kombination mit Radlerhose, Bluse und  Kappe funktioniert, möchte man schwarze Spitze nun wirklich nur ganz ironiefrei und katholisch oder aber von Riccardo Tisci für Givenchy entworfen sehen.

DON'T ! Wood Wood F/W 2012-13 | © Mercedes-Benz Fashion Week DO!

Und auch die drei Dänen von Wood Wood präsentierten unter dem Titel “The Kingdom” ihren typischen Eklektizismus, diesmal als Kollision aus britischem Upper Class Chic , Mods- und Militärelementen und heimeligem skandinavischen Strick. Doch wo Parka, prunkvolle Seidenblusenprints und grobe Overknees-Stiefel im Zusammenspiel wirken, als hätte sich die Streetwear wunderbar “ausgehfein” gemacht, kommt der Look links doch etwas zu ironisch daher. Und genau diese Hipster-Attitüde, selbst das stiefmütterlichste Outfit zu tragen als wäre es der heißste Scheiß, nervt gewaltig.

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