Berlin

Der gemietete “Yves”

Da steh ich vor meinem Kleiderschrank (2.30m x 2m), alle Fächer sind belegt, die Kleiderstange in der Mitte ist voll behangen und trotzdem schreit es in meinem Kopf: “ICH HABE NICHTS! ABSOLUT NICHTS ANZUZIEHEN!” Ich schnappe meine Handtasche, werfe mir eine Jacke über und eile zum Alexanderplatz, um mir ganz schnell irgendwas Neues zu kaufen. “STOPP! So nicht”, sage ich zu mir, kehre um und stöbere aus Frust im Internet und finde meine Lösung. Die Kleiderei.

“Kleiderei” – so heißt ein ganz neuer Laden in Hamburg mitten auf St. Pauli, ich weiß, das ist nicht Berlin, aber das Konzept, das in der “Kleiderei” verfolgt wird, ist bis jetzt einzigartig in Deutschland. In diesem kleinen Geschäft, das aussieht wie ein Lieblings-Secondhand-Laden werden keine Sachen verkauft, sondern nur vermietet.

Diese Idee hatten die Studentinnen Pola Fendel, 23, und Thekla Wilkening, 25. Die langjährigen Freundinnen, die sich schon oft Klamotten untereinander ausgeliehen hatten, fragten sich, warum es das nicht im größeren Maßstab gibt. Und schon war die Idee geboren. Es dauerte knapp drei Monate, um die Verleihstücke zusammen zu tragen, ein System zu entwickeln und einen Raum zu finden.

Thekla und Pola in ihrer "Kleiderei"

Seit Mittwoch hat das kleine Geschäft geöffnet. Auf rund 30 Quadratmetern stehen vier große Kleiderstangen mit Blusen, Kleidern, Shirts und Pullis, es hängen Jacken und Schals aus, so wie Hosenanzüge und Westen. Deutschlands erste quasi Kleidungsbibliothek hat rund 350 Fummel und Accessoires im Angebot.

Schal vom Label "Zealous"

Und so funktioniert es:

Wer etwas ausleihen möchte – besser gesagt mieten – wird Mitglied. So wie früher im Bücherbus oder der Bücherei. Das kostet im Monat 14 Euro. Diese Mitgliedschaft geht genau einen Monat und kann immer wieder erneuert werden.

Jeder kann nur zwei Teile mitnehmen und diese dann eine Woche lang behalten. Wer das gestreifte Isabel-Marant-Teil schon nach zwei Tagen über hat, bringt es einfach früher zurück und nimmt sich dafür den flauschigen Yves-Saint-Laurent-Pulli mit.

der schwarze YSL-Pullover

Die Klamotten müssen gewaschen beziehungsweise gereinigt zurückgebracht werden.

Wer mal ein wenig unachtsam ist und einen Knopf abreißt  – nicht so schlimm – der wird von Thekla oder Pola wieder dran genäht.

Trotzdem gibt es natürlich auch eine Art Versicherung für die Sachen. Die Freundinnen haben lange darüber gebrütet wie viel jedes Teil wert ist in seinem gebrauchten Zustand. Dieser Wert ist auf einer Art Preisschild vermerkt. Auf dem des schwarzen Vintange-Pullis von Yves Saint Laurent steht 40 Euro. Wer diesen wunderbaren Pulli beschädigt zurück gibt, so dass er nicht mehr repariert werden kann, zahlt die Hälfte des Werts. Wenn einem der Pulli abhanden kommt, dann zahlt man voll!

kein Preisschild - der geschätzte Wert des Stückes

Was soll das Ganze?

Pola und Thekla haben Spaß an Mode. Beide sind kreativ und irgendwie umweltbewusst. Ja, dieses Konzept hat einen nachhaltigen Hintergrund. Sie möchten nicht, dass wir Mädels losrennen und uns irgendein billiges Teil kaufen, wenn uns mal wieder das Gefühl plagt, wir hätten NICHTS anzuziehen. Leihen statt Kaufen. So wie früher bei der besten Freundin. So haben wir die Möglichkeit auch mal einen anderen Stil auszuprobieren, ohne uns dabei in Unkosten zu stürzen. Die nahenden Weihnachtsfeiern können wir mit Klamotten aus der “Kleiderei” auch stilvoll meistern.

Zur Weihnachtsfeier ein Kleid von YSL?

Heißt dass, wir gehen nie wieder Shoppen?

Natürlich nicht. Nur unsere abgestumpften Konsumsinne sollen wieder sensibilisiert werden. Und zwar für die Kleidungsstücke, die wir wirklich mögen. (Oh wie wundervoll dieser YSL-Pulli doch ist.) Vielleicht gewöhnen wir uns dadurch wieder an gezielt einzukaufen, auf gute Materialien zu achten, vielleicht überlegen wir dreimal bevor wir ein Kleid erwerben.

Der YSL-Pulli hat es mir angetan, aber noch gibt es keine Berliner "Kleiderei"

Hamburg hat es gut! Dort gibt es die “Kleiderei”. Aber, liebe Berlinerinnen, Münchnerinnen, Kölnerinnen, Pola und Thekla sind expansionsdurstig!

 

Kleiderei, Hamburger Hochstraße 24, Öffnungszeiten: Mo – Mi: 17 – 20 Uhr, Do – Fr: 19 – 21 Uhr, Sa: 15 – 20 Uhr

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