Berlin

Chanels kleines schwarzes… Jäckchen

Karl ruft und alle kommen: Die gesamte Ausstellung zu "The Little Black Jacket" umfasst 113 Schauspieler, Models, Musiker und sogar Designer wie Alexander Wang oder Haider Ackermann

Ikone? Kann es sein, dass das Wort zu einem Selbstläufer mutiert ist und inzwischen fast alles brandmarkt, was länger als eine Saison auf dem Laufsteg zu sehen ist? Röhrenjeans zum Beispiel. Oder den Acne Pistol Boot. Und: jedes Sternchen, das mehr als ein Jahr in der Klatschpresse überlebt, scheint heute Ikonenstatuts zu besitzen. Alexa, Lily, Gaga und natürlich Kate. Wir werfen nur so um uns mit dem Superlativ. Dabei sind Ikonen an erster Stelle Heiligenbilder, das zumindest richtet das Wörterbuch aus. Und in so gottlosen Zeiten wie diesen, könnte man sich vielleicht auf Frauen der Tat einigen, deren Stil oder Tun in die Geschichte einging. Und in der Mode auf mindestens zwei, wenn nicht drei Generationen, die es für ein und dasselbe Stück reihenweise von den Plätzen reißt.

Dieser Definition zufolge ist Coco Chanel eine zweifache Ikone. Als mutige Frau der Tat und weil sie mindestens drei Stücke entworfen hat, die unzweifelhaft ikonisches Design charakterisieren: Das kleine schwarze Kleid. Die kleine schwarze Stepptasche. Und das kleine schwarze Tweedjäckchen.

Der Bildband zu "The Little Black Jacket" erscheint im Herbst im Steidl-Verlag

Letzterem widmen Karl Lagerfeld und Chanel nun einen Bildband, der im Herbst im Steidl-Verlag erscheint und eine Ausstellung, die letzte Woche in Tokyo eröffnete und im Anschluss in acht weitere Städte ziehen wird. Und aufgrund der angeführten Gründe verwundert es nicht, dass König Karl für dieses Kunstprojekt 113 Persönlichkeiten fand, die ihm in seinem Pariser Studio in nur sechs Tagen Modell standen und Carine Roitfeld das Styling übernahm.

“The Chanel jacket has become the symbol of a certain elegance, feminine, with an air of nonchalance, classic and timeless, that is of all times,” damit erklärt Chanel-Designer Karl Lagerfeld, warum er gerade die Tweedjacke zum Objekt der Begierde machte

Darunter Musen wie Jane Birkin, Daphne Guinness, Yoko Ono oder Lagerfeld-Langzeitfreundin Claudia Schiffer, die Schauspielerin Sarah Jessica Parker, Tilda Swinton, Dakota Fanning oder Clemence Poesy, Regisseurin Sophia Coppola, Chanels Kampagnengesicht Alice Dellal oder Model Lily Donaldson, Musiker wie Kanye West und Theophilius London, Charlotte Gainsbourg, Vanessa Paradis, Laetitia Casta, Baptiste Giabiconi und selbst die Designkonkurrenz Haider Ackermann, Alexander Wang und Givenchy-Chefdesigner Riccardo Tisci ließen sich von Lagerfeld und Roitfeld im persönlichen Stil plus schwarzer Tweedjacke ablichten.

Auf dem Cover ist Roitfeld als Coco Chanel selbst zu sehen – strahlend in Perlen, Manschetten, mit Tweethut und Coco Chanels Markenzeichen: der kleinen golden Schere. Und auf der letzten Seite Anna Wintour in Rückenansicht, deren Foto dank ihres unverwechselbaren Bobs nicht mal einen Titel benötigt hätte.

Bevor Coco Chanel

Doch auch wenn das Staraufgebot von „The Little Black Jacket“ immens ist, gilt es, den eigentlichen Star darüber nicht zu vergessen. Die schwarze Tweedjacke, die Coco Chanel bereits während des ersten Weltkriegs ersann und mit der sie einen Skandal verursachte. Damenkostüme waren zu dieser Zeit eine unbequeme Angelegenheit. Frauen zwängten sich in Fischbein-Korsetts oder steife Gewebe wie dicke Seide oder dichte Wollgewebe, während Coco Chanel sich vor allem eins wünschte: Bequemlichkeit.

Fasziniert von der elastischen Kleidung der Stallburschen nähte sie Kostüme und Strandpyjamas aus Jersey, einem Stoff, der damals ausschließlich der Herrenunterwäsche vorbehalten war. Sie brachte praktische Außentasche nach Vorbild eines Männer-Jacketts an ihre Entwürfe an. Und weil sie unbedingt Kleidung für Frauen aus den Tweedstoffen des englischen Landadels machen wollte, diese aber durch die lockere Leinenbindung zu fragil waren und nur mit steifen Einlagen verarbeitet wurden, hatte Chanel die Idee, die Stoffe fest mit dem Futter zu verbinden, um so den weichen Stoffcharakter zu erhalten und trotzdem ein strapazierfähiges Kleidungsstück zu entwerfen. „La veste Chanel“ war geboren und wurde zum Verkaufsschlager emanzipierter Frauen.

Karl Lagerfeld & Carine Roitfeld zelebrierten den Launch der Ausstellung und des Buchs im 42. Stock des New York Grill des Park Hyatt Hotels in Tokyo, dem Restaurant in dem Bill Murray Scarlet Johansson in"Lost In Translation" trifft

Katharine Hepburn, Marisa Berenson und Romy Schneider trugen die Tweedjacke genauso wie Jackie Kennedy oder die französische Gesundheitsministerin Simone Veil, die darin 1974 das Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung in Frankreich unterzeichnete. Und Karl Lagerfeld selbst war es, der Inès de la Fressnage 1986 im typischen Chanel-Kostüm über den Laufsteg schickte und sich damit aufmachte, den Klassiker zu entstauben. Folgerichtig gab es die Jacke seither in Pelz, Neopren, mit Perlen, Strass oder wie vor drei Jahren mit offenem und ausgefranstem Saum.

Dabei blieb das Design der Jacke immer unverändert: Bis zu 18 Stoffteile um jederzeit Änderungen vornehmen zu können, vier Taschen außen, eine geknöpfte Ärmelöffnung, um den Schmuck beim Anziehen nicht ablegen zu müssen, versteckte Nähte, die den Außenstoff mit dem Seidenfutter verbinden und eine vergoldete Messingkette im Saum, die gewährt, dass das gute Stück zu jeder Zeit formgenau fällt. Und nicht zu vergessen: jeder der Prêt-à-porter-Entwürfe wird im Pariser Atelier von Hand genäht.

Doch Coco Chanel wusste: “Mode vergeht. Stil bleibt”

v.l.n.r: Yoko Ono, Designer Olivier Theyskens, Kanye West, das aktuelle Chanel-Model Alice Dellal, Tilda Swinton oder die hochschwangere Charlotte Gainsbourg, sie alle ließen sich in Karl Lagerfelds Studio in Paris in der klassischen Tweedjacke ablichten

Auf dieses Thema gibt es eine Reaktion

  1. CHANEL ÜBER ALLES !!! Bravo Karl. Gefällt mir.

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