
Am 13. September erschien "CR Fashion Book" - das ab nun halbjährlich erscheinende Magazin von Carine Roitfeld
Menschen, die es nicht gut mit Carine Roitfeld meinen, werden sagen: nun kreist sie endgültig nur noch um sich selbst. Und dieselben Personen sind es wahrscheinlich, die den großen Fotografen der Modebranche drohen, wenn sie für Roitfelds gerade erschienenes Magazin „CR Fashion Book“ fotografieren, werden sie im Condé Nast Verlag nicht mehr gebucht. Mutmaßlicher Grund: Roitfeld war bis Ende 2010 Chefredakteurin der Französischen Vogue, dann folgte der Rauswurf – oder Nicht-Rauswurf. Beide Seiten behaupten weiterhin, man habe sich einvernehmlich getrennt, doch die Gerüchte, Roitfelds Tom Ford-Issue im Dezember 2011, in der sie 6-Jährige räkelnd als Supermodels inszenierte und ein Terry Richardson Bildstrecke mit “Pussy West” überschrieb, habe zu ihrem plötzlichen Ende geführt, wollten einfach nicht versiegen.

Das Cover schoss Bruce Weber, darauf zu sehen: Kate Upton | © CR Fashion Book
Doch auch wenn jeder es sofort verstanden hätte, die inzwischen 57-Jährige Roitfeld zog sich aus dem Haifischbecken der Mode nicht zurück. Im Gegenteil. „Es war wie eine Befreiung“, gestand sie in Interviews und begann, wie ein Berserker zu arbeiten. Zunächst stylte sie die Kampagne für den New Yorker Luxustempel „Barneys“ und statt Models inszenierte sie sich selbst! Mit Karl Lagerfeld arbeitete sie an dem Chanel-Projekt „The Little Black Jacket“, das als Coffeetable Buch und Wanderausstellung Anfang diesen Jahres erschien. Das Buchcover zierte? Carine Roitfeld als Coco Chanel höchstpersönlich. Dann angelte sie sich eine MAC Cosmetics Kampagne und posierte selbst in Unterwäsche. Und kurz vor Beginn der Fashion Weeks erschien nun ihr erstes eigenes Magazin. Titel: „CR Fashion Book“ . Motto: Geburt. Und natürlich liegt der Schluss nahe, dass es dabei auch um Roitfelds Wiedergeburt gehen soll.
Und die inszeniert sie fulminant. Modestrecken mit Models wie Lara Stone, Linda Evangelista und Stephanie Seymour neben unbekannteren wie Kate Upton, die das Cover der ersten Ausgaben des halbjährlich erscheinenden Magazins ziert. Fotografen wie Bruce Weber neben Talenten wie Michael Avedon, dem Enkel von Richard Avedon. Erstauflage: 50.000 Exemplare, entstanden mit Unterstützung von Stephen Gan, dem Herausgeber von Visionaire, V Magazine und V Man, der all diese Titel und CR Fashion Book nun unter dem neu gegründeten Verlag Fashion Media Group LLC bündelt. Und 340 Seiten Umfang, von denen 150 doppelseitige Anzeigen sind, was in Zeiten verknappter Anzeigenbudgets für einen neuen Titel einem Weltwunder gleicht.

Wir haben große Mädchen im Heft -Engel sozusagen, die das Magazin beschützen - wie Lara Stone und Linda Evangelist. Aber auch ganz neue Models, die niemand kennt." sagt Roitfeld gewohnt eigenwillig über die Ausrichtung von CR Fashion Book. | © CR Fashion Book
Es stimmt, betrachtet man die Bildsprache von Roitfelds Magazin, das zu 90 Prozent aus Editorials und 10 Prozent aus Textstücke zusammengesetzt sein soll, erkennt man die mutige, oft radikale Ästhetik Roitfelds, mit der sie schon die französische zur spannendesten Vogue machte. Und wenn sie dann noch erklärt, dass Motto „Geburt“ habe sich ergeben, weil sie gerade Großmutter geworden sei, zeigt sich darin ihre typische Chuzpe, sich selbst zum allgemeingültigen Maßstab zu machen. Das kann man egozentrisch und vermessen finden, ist andererseits aber auch ihre größte Stärke. Denn in Zeiten, in denen Kreativität paradoxerweise genormt zu sein hat, fordert Roitfelds Subjektivität heraus. Gefällt nicht auf den ersten Blick. Erschüttert Überzeugungen und Normen. Und bewegt.
