London

Geht nicht zu Primark!

Primark an der Oxford Street

Primark an der Oxford Street

Schon bevor ich in London wohnte, war ich besessen von Primark, oder genauer gesagt: von den Preisen bei Primark. Man kann geringelte T-Shirts für das ganze Dorf daheim kaufen und dabei weniger ausgeben als zehn Euro. Sommerkleider für vier Euro, Trenchcoats für sechs, Kaschmirpullover für acht. Die trendbesessenen Engländer bezeichnen Geschäfte wie Primark und Zara als „Copycats“. Laufstegtrends blitzschnell kopiert und für ein Zehntel des Preises angeboten – im Falle Primarks für ein Hundertstel. Es ist schwer, sich davon nicht verführen zu lassen.

Als ich nach London zog, änderte sich meine Meinung. Das Primark-Geschäft bei mir um die Ecke, im eher schäbigen Viertel Hackney, war nicht so groß wie die Filiale an der Oxford Street, aber groß genug. Hier kauften keine Touristen aus anderen Ländern, die bergweise Klamotten nach Hause trugen, ums sie dort wie Einzelstücke zu tragen, sondern englische Mädchen mit Flechtzöpfen in Jogginganzügen aus buntem Nicki.

Violet in einem vier-Euro-Kleid von Primark, 2009

Ich, in einem vier-Euro-Kleid von Primark, 2009

Manche schoben einen Schwangerschaftsbauch vor sich her, andere einen Kinderwagen. Dicke, muslimisch verschleierte Frauen warfen Teile, die sie nicht wollten, auf den Boden und Schulmädchen in schlecht genähten Uniformen hinterließen dort die abgenagten Hühnerknochen aus ihren Kentucky-Fried-Chicken-Boxen.

Mir taten plötzlich die Designer leid, deren Ideen es nicht verdient hatten, in diesem Umfeld präsentiert und derart respektlos behandelt zu werden. Die Babys, die in der schlechten Luft des Geschäftes ausharren mussten, bis sich die Mütter durch Männer-, Frauen-, Kinder-, und Haushaltsabteilung fertig geshoppt hatten. Die Menschen in China und Indien, die wahrscheinlich unter schlimmen Bedingungen ohne Licht und Luft bei Tag und Nacht Pailletten, Knöpfe und Nähte für Primark nähten.

Wie billig darf Kleidung sein? So billig zumindest nicht. Dass Menschen mit weniger Geld keine andere Alternative haben – dieses Argument lasse ich nicht gelten. Viele der Nicki-Jogginganzug-Mädchen sind fast täglich bei Primark, um ihre Garderobe mit billigem Zeug zu füllen, anstatt nur selten, aber besser zu shoppen. Es ist wie eine Sucht.

Ich selbst bin von meiner Sucht befreit – bis auf einen Rückfall. Vor wenigen Wochen betrat ich trotz besseren Wissens das Geschäft an der Oxford Street. Vier Minuten später, in einem unkonzentrierten Augenblick, hatte jemand meine gesamte Handtasche gestohlen, mit allem drum und dran. Ein großer Zaunpfahl, mit dem der Himmel da gewunken hat. Ich habe verstanden.

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